{"id":4227,"date":"2021-08-22T05:30:50","date_gmt":"2021-08-22T03:30:50","guid":{"rendered":"https:\/\/dresdentipps.de\/?p=4227"},"modified":"2021-08-19T16:47:00","modified_gmt":"2021-08-19T14:47:00","slug":"keine-verlaengerung-der-dublin-ueberstellungsfrist-wegen-blosser-nichtbefolgung-einer-selbstgestellungsaufforderung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dresdentipps.de\/?p=4227","title":{"rendered":"Keine Verl\u00e4ngerung der Dublin-\u00dcberstellungsfrist wegen blo\u00dfer Nichtbefolgung einer Selbstgestellungsaufforderung"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:left' class='yasr-auto-insert-visitor'><\/div><div class=\"tzData\">\n<p>Befolgt ein Asylantragsteller eine Aufforderung nicht, sich zu einem bestimmten Termin zur zwangsweisen \u00dcberstellung in den f\u00fcr die Durchf\u00fchrung des Asylverfahrens zust\u00e4ndigen EU-Mitgliedstaat einzufinden (Selbstgestellung), folgt allein hieraus kein &#8222;Fl\u00fcchtigsein&#8220; im Sinne der Dublin III-VO, so dass eine Verl\u00e4ngerung der \u00dcberstellungsfrist auf 18 Monate nicht gerechtfertigt ist. Dies hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig heute entschieden.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"tzData\">\n<p>Die drittstaatsangeh\u00f6rigen Kl\u00e4ger haben nach Schutzgesuchen in anderen EU-Mitgliedstaaten Asylantr\u00e4ge in Deutschland gestellt, die das Bundesamt f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge (Bundesamt) als unzul\u00e4ssig ablehnte (\u00a7 29 Abs. 1 Nr. 1a AsylG). Die Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde forderte sie deshalb &#8211; teilweise nach erfolglosen \u00dcberstellungsversuchen &#8211; auf, sich zur \u00dcberstellung in den zust\u00e4ndigen EU-Mitgliedstaat zu einem bestimmten Termin bei der Polizeibeh\u00f6rde einzufinden. Nachdem sie dem nicht Folge geleistet hatten, verl\u00e4ngerte das Bundesamt die \u00dcberstellungsfrist gegen\u00fcber den zust\u00e4ndigen Mitgliedstaaten auf 18 Monate, weil sie &#8222;fl\u00fcchtig&#8220; seien (Art. 29 Abs. 2 Satz 2 HS. 2 Dublin III-VO). Die Vorinstanzen haben die Unzul\u00e4ssigkeitsentscheidungen des Bundesamtes aufgehoben. Die Kl\u00e4ger seien nicht fl\u00fcchtig gewesen. Mithin habe die \u00dcberstellungsfrist nicht verl\u00e4ngert werden d\u00fcrfen, so dass die Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr die Durchf\u00fchrung der Asylverfahren inzwischen wegen Ablaufs der \u00dcberstellungsfrist auf die Beklagte \u00fcbergegangen sei.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"tzData\">\n<p>Der 1. Senat des Bundesverwaltungsgerichts hat die Entscheidungen der Vorinstanzen best\u00e4tigt. Nach der Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europ\u00e4ischen Union (EuGH, Urteil vom 19. M\u00e4rz 2019 &#8211; C 163\/17 &#8211; Jawo) ist ein Schutzsuchender &#8222;fl\u00fcchtig&#8220; im Sinne der Dublin III-VO, wenn er sich den f\u00fcr die Durchf\u00fchrung seiner \u00dcberstellung zust\u00e4ndigen nationalen Beh\u00f6rden gezielt entzieht, um die \u00dcberstellung zu vereiteln, und sein Verhalten kausal daf\u00fcr ist, dass eine \u00dcberstellung tats\u00e4chlich (zeitweilig) objektiv unm\u00f6glich ist. Bei der \u00dcberpr\u00fcfung, ob ein Antragsteller im ma\u00dfgeblichen Zeitpunkt der daran ankn\u00fcpfenden beh\u00f6rdlichen Verl\u00e4ngerung der \u00dcberstellungsfrist &#8222;fl\u00fcchtig&#8220; war, hat das Gericht alle objektiv bestehenden Gr\u00fcnde zu ber\u00fccksichtigen, auch wenn die Beh\u00f6rde die Verl\u00e4ngerungsentscheidung darauf nicht gest\u00fctzt hat. Allein eine Verletzung von Mitwirkungspflichten rechtfertigt jedenfalls bei einer zwangsweisen \u00dcberstellung nicht die Annahme eines &#8222;Fl\u00fcchtigseins&#8220;, solange der zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rde der Aufenthalt des Antragstellers bekannt ist und sie die objektive M\u00f6glichkeit einer \u00dcberstellung &#8211; gegebenenfalls unter Anwendung unmittelbaren Zwangs &#8211; hat. Flugunwilligkeit, der Aufenthalt im offenen Kirchenasyl oder das einmalige Nichtantreffen des Betroffenen in der Unterkunft reichen regelm\u00e4\u00dfig nicht zur Begr\u00fcndung eines &#8222;Fl\u00fcchtigseins&#8220;. Ungeachtet der Frage der Rechtsqualit\u00e4t einer Selbstgestellungsaufforderung im Dublin-\u00dcberstellungsverfahren und deren Erm\u00e4chtigungsgrundlage im nationalen Recht begr\u00fcndet auch deren Nichtbefolgung kein &#8222;Fl\u00fcchtigsein&#8220; im unionsrechtlichen Sinne.<\/p>\n<\/div>\n<p><strong>BVerwG 1 C 26.20 &#8211; Urteil vom 17. August 2021<\/strong><\/p>\n<p>Vorinstanzen:<\/p>\n<p class=\"instanz\">OVG Berlin-Brandenburg, 3 B 22.19 &#8211; Urteil vom 20. Februar 2020 &#8211;<\/p>\n<p class=\"instanz\">VG Berlin, 31 K 646.17 A &#8211; Urteil vom 27. Februar 2019 &#8211;<\/p>\n<p><strong>BVerwG 1 C 38.20 &#8211; Urteil vom 17. August 2021<\/strong><\/p>\n<p>Vorinstanzen:<\/p>\n<p class=\"instanz\">OVG Berlin-Brandenburg, 12 B 40.18 &#8211; Urteil vom 10. Juni 2020 &#8211;<\/p>\n<p class=\"instanz\">VG Berlin, 9 K 844.17 A &#8211; Urteil vom 04. September 2018 &#8211;<\/p>\n<p><strong>BVerwG 1 C 51.20 &#8211; Urteil vom 17. August 2021<\/strong><\/p>\n<p>Vorinstanzen:<\/p>\n<p class=\"instanz\">OVG Berlin-Brandenburg, 3 B 19.19 &#8211; Urteil vom 30. Juni 2020 &#8211;<\/p>\n<p class=\"instanz\">VG Berlin, 33 K 128.18 A &#8211; Urteil vom 12. Februar 2019 &#8211;<\/p>\n<p><strong>BVerwG 1 C 55.20 &#8211; Urteil vom 17. August 2021<\/strong><\/p>\n<p>Vorinstanzen:<\/p>\n<p class=\"instanz\">OVG Berlin-Brandenburg, 3 B 35.19 &#8211; Urteil vom 24. August 2020 &#8211;<\/p>\n<p class=\"instanz\">VG Berlin, 31 K 1004.18 A &#8211; Urteil vom 01. M\u00e4rz 2019 &#8211;<\/p>\n<p><strong>BVerwG 1 C 1.21 &#8211; Urteil vom 17. August 2021<\/strong><\/p>\n<p>Vorinstanzen:<\/p>\n<p class=\"instanz\">OVG Berlin-Brandenburg, 3 B 16.19 &#8211; Urteil vom 13. November 2020 &#8211;<\/p>\n<p class=\"instanz\">VG Berlin, 31 K 335.18 A &#8211; Urteil vom 11. M\u00e4rz 2019 &#8211;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Befolgt ein Asylantragsteller eine Aufforderung nicht, sich zu einem bestimmten Termin zur zwangsweisen \u00dcberstellung in den f\u00fcr die Durchf\u00fchrung des Asylverfahrens zust\u00e4ndigen EU-Mitgliedstaat einzufinden (Selbstgestellung), folgt allein hieraus kein &#8222;Fl\u00fcchtigsein&#8220; im Sinne der Dublin III-VO, so dass eine Verl\u00e4ngerung der \u00dcberstellungsfrist auf 18 Monate nicht gerechtfertigt ist. Dies hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig heute entschieden. 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