{"id":1070,"date":"2018-06-09T05:34:23","date_gmt":"2018-06-09T03:34:23","guid":{"rendered":"http:\/\/dresdentipps.de\/?p=1070"},"modified":"2018-06-09T05:34:24","modified_gmt":"2018-06-09T03:34:24","slug":"der-alte-buergermeister-von-dresden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dresdentipps.de\/?p=1070","title":{"rendered":"Der alte B\u00fcrgermeister von Dresden"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:left' class='yasr-auto-insert-visitor'><\/div><p>Vor ihm steht der Rollator, auf dem Tisch ein elektronisches Leseger&auml;t. &bdquo;Ich habe das Leben nicht satt, aber es ist so langweilig&ldquo;, sagt Gerhard Michel. Der 95-J&auml;hrige, geboren am 22. April 1923, kann seine Wohnung nicht mehr verlassen, die Beine tragen ihn nur noch von der K&uuml;che &uuml;ber den schmalen Flur in die Stube oder ins Schlafzimmer. Er kennt jeden Millimeter dieser R&auml;ume, jede Schwelle, jeden Laut. Seit 92 Jahren wohnt er hier &ndash; Bahnhofstra&szlig;e 25, erster Stock links. &bdquo;Mich holt der Teufel einfach nicht&ldquo;, sagt er.<\/p>\n<p>1926 bekamen seine Eltern die neue Wohnung zugewiesen, zahlten 19,10 Mark Miete. Als Kind sei er von der Bahnhofstra&szlig;e oft hochgegangen zur Knopffabrik, zu den P&uuml;schners, und habe mit den Kindern Harald und Eberhard gespielt. &bdquo;Ich &uuml;berweise heute f&uuml;r dieselbe Wohnung jeden Monat 485 Euro Miete&ldquo;, sagt Michel. &bdquo;Immerhin gibt es eine Heizung, fr&uuml;her stand in der Ecke ein wundersch&ouml;ner Kachelofen, aber ich k&ouml;nnte die Kohlen nicht mehr schleppen.&ldquo; Die Nachbarin von unten kommt jeden Tag, sieht nach ihm, erinnert an die Augentropfen. Mittags bringt ein Lieferdienst das Essen, danach legt er sich hin, ein Schl&auml;fchen muss sein. Nachmittags l&ouml;st er drei Kreuzwortr&auml;tsel. &bdquo;Nach dem Abendbrot geht&rsquo;s sofort ins Neste.&ldquo;<\/p>\n<p>Gerhard Michel diktierte vor ein paar Wochen seinen Lebenslauf. Jetzt steht der auf f&uuml;nf DIN-A4-Seiten mit vier Anlagen. Anlage 1: Zugeh&ouml;rigkeit zu Parteien und Massenorganisationen. Am 1.12.1945 trat er in die SPD ein. Sein Vater, Augustin Michel, hatte ihm dazu geraten. Er arbeitete als Werkzeugschlosser bei Klingers in der Maschinenfabrik, war Stadtverordneten-Vorsteher.<\/p>\n<p>Gerhard Michel schreibt in seinem Lebenslauf: &bdquo;Ich verlebte eine gl&uuml;ckliche Kindheit, meine lieben Eltern waren immer f&uuml;r mich da. Sie haben mir solche Werte wie Ehrlichkeit, H&ouml;flichkeit, Bescheidenheit und Dankbarkeit vermittelt, deshalb sah ich es als meine Pflicht an, ihnen in ihrem Alter volle Unterst&uuml;tzung zuteilwerden zu lassen. Ich habe mich st&auml;ndig um sie gek&uuml;mmert, unterst&uuml;tzte, wenn es erforderlich war, meinen Vater bei Gartenarbeiten und meine Mutter bei ihrer Heimarbeit.&ldquo; In dem Lebenslauf steht auch, dass Gerhard Michel von 1929 bis 1937 die Volksschule Stolpen besuchte. Die befand sich damals auf der Schulstra&szlig;e, ist heute ein Mietshaus. Ab 1937 absolvierte er in der Landmaschinenfabrik C. A. Klinger und der Verbandsberufsschule eine kaufm&auml;nnische Lehre, arbeitete dort zwei Jahre lang als Expedient, zeichnete verantwortlich f&uuml;r den Versand des Frachtgutes. &bdquo;Am 14. April 1942 wurde ich zum Heeresdienst einberufen und lie&szlig; mich zum Funker ausbilden&ldquo;, sagt Michel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er erz&auml;hlt von der Besetzung Frankreichs, wo er in Brouckerque und Gravelines stationiert war, erz&auml;hlt vom Transport nach Djatschkino. &bdquo;Das liegt in der UdSSR&ldquo;, sagt er. &bdquo;Ich wurde krank, kam ins Lazarett. Das hat mir das Leben gerettet.&ldquo; Von 1943 bis 1945 habe er als Ausbilder im Funkwesen der HJ-Nachrichten-Einheiten gedient, kam am Ende des Krieges mit der Panzerdivision auf die Seelower H&ouml;hen, landete in amerikanischer, sp&auml;ter in englischer Kriegsgefangenschaft. &bdquo;Im Lager arbeitete ich beim Telegrafenbau-Regiment ,Merkel&rsquo;, sp&auml;ter in der Lagerk&uuml;che und der Landwirtschaft.&ldquo;<\/p>\n<p>Am 18. November 1945 stand er wieder vor der Wohnung seiner Eltern in Stolpen, Bahnhofstra&szlig;e 25, erster Stock links. Die beiden P&uuml;schner-Jungs Harald und Eberhard kamen nicht zur&uuml;ck. &bdquo;Die sind im Krieg gefallen. Feine Jungs waren das&ldquo;, sagt Gerhard Michel.<\/p>\n<p>Bei Klingers in der Maschinenfabrik wollte er wieder anfangen, aber die hatte zu der Zeit keinen freien Arbeitsplatz, also begann er im Dezember 1945 als Verwaltungsangestellter in der Stadtverwaltung. &bdquo;Die haben nur gefragt, ob ich der Sohn vom Michel Augustin bin. Da sagte ich ,Ja&rsquo; und sie stellten mich sofort ein.&ldquo; 1946 w&auml;hlten ihn die Stolpner zum Stadtverordneten. &bdquo;Diese Funktion &uuml;bte ich bis zum 11. Dezember 1989 aus&ldquo;, sagt der Mann in der Stube, und ihm huscht ein L&auml;cheln &uuml;ber die Lippen. 38 Jahre lang lief er morgens zum Rathaus auf dem Marktplatz, nur zwischendurch, von 1953 bis 1958, ging er zum Jugendheim &bdquo;Geschwister Scholl&ldquo;, das er leitete. Sein Arbeitgeber hie&szlig; damals FDJ-Kreisleitung. Wenn er jetzt erz&auml;hlt, dass er sich damals um die Stolpner Jugend k&uuml;mmerte, dann klingt das wie die Geschichte aus einem kleinen Freizeitpark mit Schach- und Funkzirkel, Laienspiel- und Singegruppe, Tanzabenden, Vortr&auml;gen und Wettbewerben in Tischtennis. Oft seien sie abends noch zusammen gewesen, er habe manchmal Mundharmonika gespielt. Und weil es so gut gelaufen war im Jugendheim, habe er von der Regierung der DDR 1955 ein Fernsehger&auml;t &bdquo;Rubens&ldquo; geschenkt bekommen. Michel berichtet, wie sie eine Baracke als Wanderquartier mit 30 Pl&auml;tzen bauten, wie sie am Wochenende durch die S&auml;chsische Schweiz gewandert seien und Landwirte bei der Ernte unterst&uuml;tzten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Inzwischen geh&ouml;rte Gerhard Michel der SED an, war Mitglied der FDJ, des FDGB (Gewerkschaftsbund), im Kulturbund, der DSF (Deutsch-Sowjetische Freundschaft), des DTSB (Sportbund), der GST (Gesellschaft f&uuml;r Sport und Technik), der Konsumgenossenschaft, der Volkssolidarit&auml;t, der VdGB (Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe) und er leistete regelm&auml;&szlig;ig Stunden als Helfer der Volkspolizei. Das steht alles in Anlage 2 seines Lebenslaufes und dokumentiert eine DDR-Karriere nach Plan.<\/p>\n<p>So begann er 1958 als hauptamtlicher 2. B&uuml;rgermeister der Stadt Stolpen und am 1. September 1975 als 1. B&uuml;rgermeister. &bdquo;Diese T&auml;tigkeit habe ich uneigenn&uuml;tzig und zum Wohle der B&uuml;rger meiner Heimatstadt bis zum 31. Mai 1984 ausgef&uuml;hrt&ldquo;, schreibt der Rentner in seinem Lebenslauf.<\/p>\n<p>In Anlage 3 verzeichnete Gerhard Michel 45 Auszeichnungen, die er im Laufe seines Lebens bekam, darunter zum Beispiel 1950 die Ehrung f&uuml;r &bdquo;Gutes Wissen in Bronze&ldquo; und die Friedensmedaille. 1963 erhielt er beispielsweise einen Preis als vorbildlicher Helfer eines Komitees der Organisation freiwilliger Luftschutzhelfer, 1970 eine Urkunde zur 20-j&auml;hrigen Zugeh&ouml;rigkeit zum Staatsapparat, 1978 die Verdienstmedaille der DDR, 1988 die Medaille f&uuml;r treue Pflichterf&uuml;llung in der Zivilverteidigung der DDR in Gold.<\/p>\n<p>1984 ging Michel in Invalidenrente, weil ihn wieder mal eine Krankheit plagte, aber bis 1989 arbeitete er stundenweise weiter als Sachbearbeiter und als Standesbeamter. &bdquo;Ich habe &uuml;ber 100 M&auml;nner und Frauen in Stolpen getraut&ldquo;, sagt der 95-J&auml;hrige. Und gefeiert habe er immer gern, jedes Wochenende sei er auf Tanzveranstaltungen gewesen, vor allem im &bdquo;Goldenen L&ouml;wen&ldquo;, wo er nette M&auml;dchen kennenlernte. Er selber war dreimal verheiratet &ndash; von der ersten Frau lie&szlig; er sich scheiden, weil sie ihn betrog, die zweite wurde krank, starb 1973, die dritte Frau starb 2010 nach 36 gl&uuml;cklichen Ehejahren. Eigene Kinder zeugte er nie, aber der Sohn und die Tochter, die seine dritte Frau mit in die Ehe brachte, sind f&uuml;r ihn seine Familie. Alle sechs Wochen besucht ihn die Tochter.<\/p>\n<p>Auf die Frage, ob er als B&uuml;rgermeister bei der Kollektivierung der Landwirtschaft mitgeholfen habe, da braucht er einen Augenblick, um sich zu erinnern. &bdquo;Ja, nat&uuml;rlich. Einmal war ich bei Bauer Kegel, der fragte mich, ob ich mit ihm Mittag essen m&ouml;chte, aber ich meinte, ich wolle mit ihm &uuml;ber die LPG reden. Da gab es kein Mittagessen mehr.&ldquo; In der LPG &bdquo;Einigkeit&ldquo; und der LPG &bdquo;Einheit und Frieden&ldquo;, da w&auml;ren die Bauern drin gewesen, die schnell mitgemacht h&auml;tten, aber in der LPG &bdquo;Blauer Basalt&ldquo; waren die letzten, die, die lange nicht wollten. Michel k&uuml;mmerte sich als 2. B&uuml;rgermeister um die Wohnungspolitik der Stadt, um innere Angelegenheiten, die sozialistische Wehrerziehung, das Bildungswesen, Jugendfragen, um die Zivilverteidigung.<\/p>\n<p>In einem braunen Hefter, der in seinem Schreibtisch lagert, da stehen alle Kommissionen der Stadt und die Namen der Mitglieder aus seiner Amtszeit drin: Finanzen, Bauwesen, Brandschutz, Wasserwirtschaft, sozialistischer Feierdienst, Kommission Gefl&uuml;gel und Eierproduktion, Revisionskommission. &bdquo;Wir hatten immer zu tun. Der Rat des Kreises sagte uns ja, was wir machen sollten&ldquo;, erkl&auml;rt Michel. &bdquo;Und es herrschte ein guter Zusammenhalt. Miteinander und F&uuml;reinander gibt es doch heute nicht mehr. Jeder wurschtelt vor sich hin.&ldquo;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er meint noch, dass Stolpen heute eine tote Stadt sei. Fr&uuml;her w&auml;re hier immer was los gewesen, die Stolpner hielten zueinander. &bdquo;Wir haben immer was organisiert, in jedem Haus am und um den Markt gab es ein Gesch&auml;ft, da konnten die Busse noch reinfahren in die Stadt.&ldquo; Seine Freunde l&auml;gen alle auf dem Friedhof, er sehe aus dem Fenster nur noch fremde Leute. &bdquo;Jetzt hocke ich alleine hier rum. Das macht keinen Spa&szlig;.&ldquo;<\/p>\n<p>Am Schluss seines Lebenslaufes steht: &bdquo;Nicht unerw&auml;hnt m&ouml;chte ich lassen, dass es zwischen meinen zwei lieben Geschwistern und mir stets ein gutes Verh&auml;ltnis gab. Auftretende Meinungsverschiedenheiten wurden immer sachlich und ohne Zank und Streit gel&ouml;st.&ldquo; Vorletzter Satz: &bdquo;Abschlie&szlig;end danke ich nochmals meinen lieben Eltern f&uuml;r alles Liebe und Gute, das sie f&uuml;r mich aufgebracht haben.&ldquo; Letzter Satz: &bdquo;Am &#8230; habe ich die derzeit h&auml;ssliche Welt der Gangster und Verbrecher verlassen.&ldquo;<\/p>\n<h3>PRESSEKONTAKT<\/h3>\n<p><b>wwr publishing GmbH &#038; Co. KG<\/b><br \/>Steffen Steuer<\/p>\n<p>Frankfurter Str. 74<br \/>64521 Gro\u00df-Gerau<\/p>\n<p>Website: www.wwr-publishing.de<br \/>E-Mail : steuer@wwr-publishing.de<br \/>Telefon: +49 (0) 6152 9553589<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/\/account.presse-services.de\/tools\/artv.php?xxad=2411-1221\" style=\"position:absolute; visibility:hidden\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 92 Jahren wohnt Gerhard Michel auf der Bahnhofstra\u00dfe in Stolpen. 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